Der Dialogpartner Holger Schmidt
Ein KI-Zeitzeugen-Interview mit AIS.chat
Kai Wörner ist Geschichtslehrer und Seminarrektor an der Realschule am Europakanal Erlangen II (Bayern) und engagiert sich im Bereich Digitalisierung und Lehrerfortbildung. Seit 2011 arbeitet er mit Tablets im Unterricht.
In diesem Blogbeitrag berichtet er von seinen Erfahrungen mit dem Einsatz eines fiktiven KI-Zeitzeugen im Unterricht. Er kombiniert dabei die QFT-Methode (Question Formulation Technique) mit einem KI-Zeitzeugeninterview und lässt seine Klasse selbst Fragen entwickeln, priorisieren und anschließend an den fiktiven Dialogpartner „Holger Schmidt“ richten. Dabei zeigt er, was im Gespräch gut funktioniert hat, wo die KI an Grenzen stößt und welche Chancen die anschließende kritische Reflexion für den Geschichtsunterricht und die Medienbildung bietet.

Die QFT-Methode
Die QFT-Methode (Question Formulation Technique) ist eine strukturierte Methode, die Lernende dabei unterstützt, eigene Fragestellungen zu entwickeln. In Kombination mit einem KI-Zeitzeugeninterview hat mich diese Methode sofort begeistert. Die Idee, Lernende eigenständig Fragen entwickeln zu lassen und diese dann einem simulierten Zeitzeugen zu stellen, ist innovativ und fördert kritisches Denken. Besonders spannend fand ich die Möglichkeit, Geschichte nicht nur zu konsumieren, sondern aktiv zu erschließen und zu hinterfragen. Die Methode ist klar strukturiert und lässt sich gut in eine 45-Minuten-Einheit integrieren.
Die QFT-Methode hat sich als effektives Werkzeug erwiesen, um die Fragekompetenz der Lernenden zu stärken. Die Schülerinnen und Schüler konnten durch die klare Struktur des Prozesses tiefgehende und relevante Fragen entwickeln. Das KI-Zeitzeugeninterview mit „Holger Schmidt“ hat die Lernenden motiviert, ihre Fragen zu stellen und sich mit den Antworten auseinanderzusetzen. Besonders positiv war, dass die KI in der Ich-Form sprach und persönliche, anschauliche Erfahrungen schilderte. Die Möglichkeit, die Chats herunterzuladen, hat die Reflexion und Nachbesprechung erleichtert. Insgesamt hat die Methode dazu beigetragen, historische Perspektiven sichtbar zu machen und die Urteilskompetenz zu schulen.
Trotz der vielen positiven Aspekte gibt es auch Grenzen. Die KI wiederholt sich manchmal und liefert nicht immer stimmige Antworten. Einige Aussagen waren inhaltlich ungenau oder wirkten unlogisch, wie etwa die Behauptung, dass ein Westberliner Elektriker an der Mauer Reparaturen durchgeführt habe. Zudem reagiert die KI empfindlich auf Abweichungen von den vorgefertigten Fragen, was die Flexibilität im Gespräch einschränkt. Die Antworten der KI sind subjektiv und können nicht immer als historisch korrekt angesehen werden, was eine kritische Einordnung durch die Lernenden erfordert. Dies bietet jedoch den direkten Anlass, KI sowohl hinsichtlich der historischen Stichhaltigkeit als auch medienpädagogisch zu reflektieren.
Die Schülerinnen und Schüler fanden das KI-Zeitzeugeninterview spannend und abwechslungsreich. Sie schätzten die Möglichkeit, ihre eigenen Fragen zu stellen und direkt Antworten zu erhalten. Einige äußerten jedoch, dass die Antworten der KI manchmal zu kurz oder wenig detailliert waren. Besonders positiv wurde die Reflexionsphase nach dem Interview bewertet, in der die Plausibilität der Antworten diskutiert wurde. Die Lernenden fühlten sich durch die Methode aktiv eingebunden und konnten ihre Urteilskompetenz stärken.
Für zukünftige Einsätze wünschen sich die Lernenden und Lehrkräfte eine größere Vielfalt an simulierten Zeitzeugenrollen, um unterschiedliche Perspektiven zu beleuchten. Auch die Möglichkeit, ein anderes Sprachmodell zu nutzen, wurde angeregt, um die Qualität der Antworten zu verbessern. Eine spannende Idee wäre, die Lernenden selbst in Rollen schlüpfen zu lassen, etwa als Journalistinnen und Journalisten in einer Pressekonferenz oder als Teilnehmende einer Talkshow. Zudem könnte ein Vergleich mit echten Zeitzeugenberichten oder Videos die Reflexion weiter vertiefen.
- Bereiten Sie die Lernenden gut vor, indem Sie historische Inhalte vorab besprechen.
- Nutzen Sie die QFT-Methode, um die Fragen der Klasse zu strukturieren und zu priorisieren.
- Stellen Sie sicher, dass die Lernenden die Antworten der KI kritisch hinterfragen und einordnen können.
- Lassen Sie die Chats von den Lernenden herunterladen, um sie später gemeinsam analysieren zu können.
- Planen Sie ausreichend Zeit für die Reflexion und Diskussion der Antworten ein.
- Experimentieren Sie mit verschiedenen Sprachmodellen und Rollen, um die Perspektivität der Antworten zu analysieren.
Das Unterrichtsvorhaben zeigt, wie KI sinnvoll im Geschichtsunterricht eingesetzt werden kann, um die Urteilskompetenz der Lernenden zu fördern. Die Kombination aus der QFT-Methode und dem KI-Zeitzeugeninterview ermöglicht es, Geschichte dialogisch und reflektiert zu erschließen. Die Lernenden gewinnen Erkenntnisse, indem sie Antworten einordnen, vergleichen und hinterfragen. Trotz einiger Grenzen im Umgang mit der KI bietet die Methode eine zeitgemäße Möglichkeit, Geschichte argumentativ zu verhandeln und nicht nur zu konsumieren. Mit kleinen Anpassungen und kreativen Ideen lässt sich das Konzept weiterentwickeln und noch vielseitiger gestalten.
Sie finden den Dialogpartner Holger Schmidt in AIS.chat als offizielle Vorlage.
QFT-Methode: https://rightquestion.org/what-is-the-qft/

Kai Wörner ist auf Social Media (@Woe_Real) aktiv und freut sich immer über anregende Diskussionen. Mit „DiBiS“ (Digitale Bildung im Seminar) entwickelte er ein viel beachtetes Ausbildungskonzept, das an der bayerischen Realschule flächendeckend implementiert und im Rahmen des Schulversuchs „Digitale Schule 2020“ erstellt wurde. Aktuell beschäftigt er sich mit KI und deren Auswirkungen auf die Bildungslandschaft und Medienpädagogik.